Diskussion um die Zukunft der Landapotheken

Versandhandel bedroht Service der Vor-Ort- Apotheke

Werden wir künftig noch von einer Apotheke vor Ort versorgt oder übernimmt Amazon und Co. schon bald die Belieferung der Patienten mit Arzneimitteln? Mit dieser provokanten Frage begann am 13. September 2017 eine Diskussionsrunde in Kemberg, die das Thema: „Die Zukunft der Landapotheken“ in den Mittelpunkt stellte. Initiiert hatte diese Veranstaltung der Bundestagskandidat Sepp Müller (CDU). Eingeladen hatte er sich Apotheker Frieder Jage, Inhaber einer Landapotheke in Kemberg und Apothekerin Birgit Biernoth aus Wittenberg, die zugleich Mitglied des erweiterten Vorstands des Landesapothekerverbands Sachsen-Anhalt ist. Außerdem waren anwesend Apotheker Christian Buse, Inhaber einer Versandapotheke in Wittenberg, der auch die Funktion des Vorsitzenden des Bundesverbandes der Versandapotheken innehat und Steffi Suchant als Vertreterin der Krankenkassen von der Techniker Krankenkasse, Landesvertretung Sachsen-Anhalt. 

Hintergrund für die Einladung zur Diskussionsrunde bildete das weitreichende Urteil des europäischen Gerichtshofs vom 19.10.2016. „Mit dieser Entscheidung gibt es die Sorge, dass insbesondere im ländlichen Raum Apotheken in der Existenz bedroht sein könnten“, stellte Sepp Müller der Diskussion voran. Frieder Jage stellte klar, dass eine örtliche Apotheke sich nur tragen kann, wenn das Gesamtpaket stimmt. „Über eine Mischkalkulation können aufwändige Serviceleistungen der Apotheke, wie Botendienste, zum Nulltarif erbracht werden. Dafür benötige ich aber weiterhin die Rezepte, die mir über einen Festpreis eine notwendige Grundvergütung sichern. Gehen diese jedoch zunehmend an einen Versandhändler, dann fehlt mir eine wichtige Einnahme und ich muss Serviceleistungen kürzen oder dafür Gebühren erheben“, nennt er klare Fakten.

Birgit Biernoth fügte an: „Heute können wir zusichern, dass wir fast alle Arzneimittel, wenn sie nicht in der Apotheke vorrätig sind, innerhalb von vier Stunden liefern können und wenn es sein muss, bis ans Krankenbett. Dieser Service droht zu verschwinden, wenn künftig die Arzneimittel vermehrt per Mausklick geordert werden, weil die Patienten sich durch die angebotenen Rabatte der Versender locken lassen. Ich sehe im Versandhandel eine Bedrohung der Existenz einer Apotheke. Das Problem ist jedoch viel umfassender. Das EuGH-Urteil steht in vollem Gegensatz zu unserem nationalen Recht. Während wir deutschen Apotheken einschließlich des deutschen Versandhandels feste Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel haben und keine Rabatte geben dürfen, ist es ausländischen Versendern damit erlaubt. Das stellt eine Gefahr für unser bewährtes System dar. Die schnelle, wohnortnahe und flächendeckende Versorgung geht in einem Preiswettbewerb verloren.“

Der Versandapotheker Christian Buse sieht diese Problematik nicht auf die Apotheken zukommen. Aus seiner Sicht könnte es einen gesetzlichen festgeschriebenen Höchstpreis für Arzneimittel geben, der einem Apotheker freistellt, wie viel Rabatt er auf die Arzneimittel geben möchte. Und wer mit der Apotheke seines Vertrauens zufrieden sei, würde nicht ins Internet abwandern, sondern dieser treu bleiben. Auch für die Kassen sei ein Versandhandelsverbot keine Option, da dann mögliche Lieferwege für Patienten beschnitten würden, war die klare Aussage der TK-Vertreterin.

Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass schon heute durch bestehende Rabattverträge gerade bei älteren Menschen keine Einnahmetreue mehr vorhanden ist, wenn sich Farbe und Form der Tabletten ständig ändern. Wenn künftig der Apotheker als Vertrauter nicht mehr im Ort wäre, dann würde es vermehrt zu schweren Krankheitsverläufen kommen, so eine Meinung aus dem Publikum. Viele Herzinfarkte hätten in Pflegeeinrichtungen ihre Ursache in Einnahmefehlern. So würden Folgekosten entstehen, die nicht sein müssten, wenn die Kompetenz der bestehenden Systeme, zu der auch die Apotheke im Ort gehört, richtig eingesetzt würden. Und eine andere Stimme plädierte für das bestehende System der flächendeckenden Arzneimittelversorgung, da gerade ältere Menschen nicht so fit sind im Umgang mit dem Internet und auf den Rat des Apothekers gern hören würden. 

Sepp Müller beendete die Veranstaltung mit dem Resümee, dass eine wichtige Diskussion in Gang gebracht worden sei. Einig waren sich alle Vertreter der Runde: Der Erhalt der Vor-Ort-Versorgung mit Arzneimitteln steht nicht in Frage. Aber das Wie schon.

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