Apotheker wirken oft im Verborgenen

v.l. Thomas Rößler, Dr. Jens-Andreas Münch und Dr. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, Quelle: LAV/Pohl

Ein unvorhergesehener medizinischer Notfall benötigt meist eine schnelle medikamentöse Behandlung. Doch woher das dringend benötigte Medikament nehmen? Die Apotheke um die Ecke könnte helfen. Tut sie auch. „Obwohl auch wir nicht immer alle Medikamente zur Hand haben, sind unsere Apotheken heute so organisiert, dass wir innerhalb kürzester Zeit liefern können“, erklärt Dr. Jens-Andreas Münch, Präsident der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt anlässlich des Neujahrsempfangs der Heilberufler Sachsen-Anhalts am 11. Januar 2017 in Magdeburg.

Die besondere Vor-Ort-Serviceleistung einer Apotheke verdeutlichte der Präsident anhand eines Praxisbeispiels aus der Schlossapotheke in Gommern. So erhielt die Apotheke Mitte Dezember ein Rezept für ein Betäubungsmittel gegen starke Schmerzen für eine 50jährige Tumorpatientin. Am Abend zuvor aus der Klinik zur häuslichen Pflege entlassen, brauchte sie dieses starke Schmerzmittel noch am gleichen Tag. Die Patientin lebt mit ihrem Mann etwa 15 km von Gommern entfernt. Der Mann war durch die Pflege häuslich gebunden und stark gefordert. So lieferte Apothekeninhaber Frank Zacharias das Medikament ins Haus der Familie und erläuterte die Dosierung. Dabei stellte sich heraus, dass der schwerkranken Frau weitere Medikamente fehlten.

Im Schulterschluss mit der behandelnden Ärztin wurden die Verordnungen abgesprochen und die notwendigen Rezepte erstellt. Ein verschriebenes Originalpräparat konnte der Apotheker gegen ein Generikum austauschen, um der Familie 50 € Zusatzkosten zu sparen. 3 Stunden nach der ersten Belieferung brachte er die weiteren Arzneimittel für die Patientin. Dort verglich er zur Sicherheit die Verordnungen mit dem leider erst jetzt vorgelegten Entlassungsbrief aus der Klinik. Es stellte sich heraus, dass sich Verordnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein Medikament hatte die falsche Stärke und ein Betäubungsmittel fehlte komplett. Letzteres sollte die Schmerzspitzen mindern und wurde noch am gleichen Tag gebraucht. Inzwischen war es bereits nach 16 Uhr. 

Ein erneuter Kontakt mit der Ärztin sorgte für das nötige Rezept. Leider war dieses Betäubungsmittel nicht in der Apotheke vorrätig. Da es vom Großhandel in Magdeburg nicht mehr am selben Tag geliefert worden wäre, holte es der Apotheker persönlich dort ab und brachte es der Patientin, damit sie pünktlich über ihr Schmerzmittel verfügen konnte. Der Apotheker legte für seine Patientin an diesem Tag 125 Kilometer zurück und investierte mehrere Stunden seiner Arbeitszeit. Sicher ist dies nicht alltägliche Praxis. Aber für die Tumorpatientin gab es in dieser Situation keine bessere Hilfe und sie war sehr, sehr dankbar. Ohne den aufopferungsvollen Einsatz des Apothekers und die Bereitstellung aller Medikamente hätte wahrscheinlich in der Nacht ein Notarzt gerufen werden müssen. 

Möglich ist dieser Rund-um-die-Uhr-Service durch das flächendeckende Netz der Apotheken. Die in Deutschland existierenden festen Preise für rezeptpflichtige Arzneimittel tragen entscheidend dazu bei, dass dieses Netz funktioniert. Doch das bewährte System wird bedroht, da ausländische Arzneimittelversender sich nicht an die für alle geltenden Preisregeln halten und versuchen Patienten mit Bonuszahlungen ködern. „Wenn sich jetzt mehr Patienten für die Belieferung durch einen Versandhändler entscheiden, wird die Mischkalkulation der Vor-Ort-Apotheke zerstört und das bestehende System funktioniert nicht mehr. Dann wird die im Beispiel geschilderte persönliche Betreuung und schnelle Versorgung nicht mehr möglich sein - zum Nachteil der Patienten. Ärztliche Notdienste und Klinikambulanzen würden dadurch noch mehr gefordert werden“, zeichnet Präsident Dr. Münch eine düstere Zukunft für die kompetente praxisnahe Arzneimittelversorgung. 

Soweit soll es nicht kommen. Unsere Patienten brauchen einen persönlichen Ansprechpartner und sie brauchen Hilfe bei ihrer Arzneimitteltherapie. Deshalb fordern wir Apotheker die Politik zum Handeln auf.

Thomas Rößler, 1. stellv. Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, erläuterte die wirtschaftliche Situation der Apotheken. Verschreibungspflichtige Medikamente unterliegen in Deutschland aus Gründen des Verbraucherschutzes generell einer gesetzlich vorgegebenen Preisbindung. So erhalten Apotheken ein einheitliches Honorar pro Abgabe einer Packung von netto 6,58 € plus 3% des Einkaufspreises. Davon finanzieren die Inhaber ihre Apotheke, beschäftigen hochqualifiziertes Personal, zahlen Miete, Versicherungen, Steuern und andere Betriebskosten. Aber auch Botendienste, Arzneimittelprüfungen und Rezepturanfertigungen mit den notwendigen Laborausstattungen, sowie der eigene Lebensunterhalt inkl. Altersvorsorge sind davon zu bestreiten. „Wird die Versorgung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten immer mehr von ausländischen Versandhändlern übernommen, die sich nicht an die (in Deutschland gesetzlich vorgeschriebene) Preisregulierung für verschreibungspflichtige Arzneimitteln halten müssen, dann fehlen den Apotheken diese notwendigen Honorare“, erklärt Thomas Rößler.

Und ergänzt: „Wenn den Vor-Ort-Apotheken die wirtschaftliche Grundlage entzogen wird, dann ist dieser eben genannte persönliche Service nicht mehr möglich. Versuchen sie sich einmal in diese Menschen hineinzuversetzen, was gewesen wäre ohne Vor-Ort-Apotheke. Gerade für diese Einzelfälle ist ein funktionierendes System extrem wichtig.“

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